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Wo begegnen sich Jung und Alt noch?

vor 1 Tag
4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 50 Minuten

Ein generationenübergreifender Dialog in Stallikon


In Zeiten rasanter Digitalisierung und gesellschaftlichen Wandels wird häufig über die «Generationenkluft» gesprochen. Doch wie gross ist diese Kluft tatsächlich? Und liegt das Problem vielleicht weniger zwischen den Generationen als vielmehr darin, dass es immer weniger Orte gibt, an denen sie sich selbstverständlich begegnen?


In einem offenen Gespräch, moderiert von stalliker.ch-Redaktor Deviprasad Rao (Devi), tauschen sich Marianne Egli als Vertreterin der älteren Generation und der junge Sean Brand über ihre persönlichen Erfahrungen aus. Es geht um Kommunikation und Digitalisierung, Leistungsdruck und Lebenserfahrung – und um die Frage, was Jung und Alt voneinander lernen können.


Kommunikation im Wandel


Auf die Frage, ob die Kommunikation zwischen den Generationen schwächer geworden ist, zögert Marianne Egli nicht. Für sie ist das eine Entwicklung, die sie im Alltag deutlich wahrnimmt.


«Die Menschen kommunizieren heutzutage weniger im direkten Gespräch. Das hat sich stark auf Social Media, digitale Kanäle und Online-Plattformen verlagert. Wenn ich beispielsweise junge Leute mit AirPods sehe, ist das für mich ein deutliches Zeichen: ‹Ich möchte gerade nicht kommunizieren.›»


Diese Veränderung beobachtet sie etwa morgens im Postauto. Wo früher vielleicht Smalltalk geführt oder eine gedruckte Zeitung gelesen wurde, richtet sich der Blick heute häufig auf den Bildschirm. Für Marianne ist dies allerdings kein spezifisches Stalliker Phänomen, sondern Teil eines allgemeinen gesellschaftlichen Wandels.


Nicht fehlender Wille, sondern fehlende Begegnungsorte


Sean sieht das aus einer etwas anderen Perspektive. Für ihn liegt das Problem nicht darin, dass junge Menschen nicht mit älteren Menschen sprechen wollen. Vielmehr fehlen natürliche Orte, an denen solche Begegnungen entstehen können.


«Das Hauptproblem liegt darin, dass die richtigen gemeinsamen Räume fehlen. Es gibt keine natürlichen Treffpunkte, an denen man ungezwungen neue Leute kennenlernen kann.»

Am Arbeitsplatz erlebt er, dass der Austausch durchaus funktioniert. Dort unterhält er sich gerne mit älteren Kolleginnen und Kollegen.


«Das zeigt mir: Kommunikation zwischen Jung und Alt ist absolut möglich, und der Wille dazu ist auf beiden Seiten da. Aber im Bus oder im Coop spricht man Fremde eben nicht einfach spontan an.»


Marianne beobachtet aufseiten älterer Menschen manchmal eine gewisse Verunsicherung gegenüber der digitalen Welt. Manche Seniorinnen und Senioren seien vielleicht «zu stolz», um zuzugeben, dass sie Hilfe mit dem Smartphone benötigen. Gerade solche Situationen könnten jedoch auch Gelegenheiten für einen Austausch zwischen Jung und Alt bieten.


Sean bringt einen weiteren Aspekt ins Gespräch: den Leistungs- und Vergleichsdruck, unter dem junge Menschen heute stehen.


«Wir vergleichen uns täglich nicht mehr nur mit unserem unmittelbaren Umfeld, sondern mit Millionen von Menschen weltweit. Wenn ich auf Instagram gehe und als Erstes das Profil eines 21-jährigen Millionärs sehe, macht das etwas mit einem. Selbst wenn man rational weiss, dass das Extrembeispiele sind: Wenn man es hunderte Male sieht, entsteht unbewusst das Gefühl, man hinke hinterher.»


Voneinander lernen – ohne einander zu belehren

Für Sean liegt der Wert eines generationenübergreifenden Dialogs vor allem im Perspektivenwechsel. Jüngere Menschen können Älteren Orientierung in der digitalen Welt geben; ältere Menschen wiederum verfügen über jahrzehntelange Lebens- und Berufserfahrung. Entscheidend sei jedoch, wie dieses Wissen weitergegeben wird.


«Ständige Belehrungen – dieses typische ‹Als ich jung war …› – wirken eher kontraproduktiv. Man hat dann schnell das Gefühl: ‹Die wollen mir nur einen Vortrag halten.›»


Anders sei es, wenn junge Menschen selbst nach Erfahrungen oder Rat fragen. Sean interessiert beispielsweise, was ältere Menschen rückblickend genauso machen würden – und was sie heute anders entscheiden würden.


Marianne kann das nachvollziehen. Auch sie erinnert sich daran, wie sehr sie als junge Frau ungefragte Belehrungen von Erwachsenen störten.


«Ich hoffe sehr, dass ich das heute nicht so mache», sagt sie schmunzelnd. «Anstelle von Belehrungen sollte man eher Erlebnisse schildern, die einen bewegt haben. Und wenn jemand gezielt nach einem Ratschlag sucht, gebe ich diesen natürlich sehr gerne weiter.»


Der jüngeren Generation würde Marianne gerne etwas mehr Gelassenheit mitgeben. Sean wiederum glaubt, dass ältere Menschen von Jüngeren eine grössere geistige Flexibilität – «a more flexible mind» – mitnehmen könnten.


Was könnte Stallikon konkret tun?


Veranstaltungen wie das Dorffest oder der Nachbarschaftstag bieten bereits Möglichkeiten, bei denen verschiedene Generationen miteinander in Kontakt kommen können. Marianne setzt dabei zunächst auf etwas denkbar Einfaches:

«Eine ganz einfache Massnahme wäre bereits, sich im Alltag bewusst zu grüssen. Ein einfaches ‹Grüezi› kann schon sehr viel bewirken. Das wäre für mich ein interessanter Anstoss – vielleicht in Form einer kleinen Dorf-Kampagne.»


Sean denkt über weitere Möglichkeiten nach. Er schlägt beispielsweise einen Jugendrat für Stallikon vor, der jungen Menschen eine Stimme und konkrete Möglichkeiten zur Mitgestaltung des Dorflebens geben könnte.

Besonders wichtig findet er, dass verschiedene Generationen nicht erst bei einer Veranstaltung aufeinandertreffen, sondern bereits bei deren Planung.


«Wenn Ältere und Jüngere von Anfang an zusammen am Tisch sitzen, entsteht automatisch ein Programm, das auch alle Altersklassen anspricht. So schaffen wir Anlässe, die für alle attraktiv sind – und vor Ort kommen die Menschen dann ganz automatisch ins Gespräch.»


Vielleicht ist die Kluft kleiner, als wir denken


Das Gespräch zwischen Marianne und Sean zeigt, dass unterschiedliche Lebenswelten nicht zwangsläufig zu Distanz führen müssen. Auf beiden Seiten besteht Interesse am Austausch – doch im Alltag fehlen häufig die Gelegenheiten dafür.


Während jüngere Menschen in einer zunehmend digitalen Welt leben und dabei mit neuen Formen von Leistungs- und Vergleichsdruck konfrontiert sind, bringen ältere Menschen jahrzehntelange Lebens- und Berufserfahrung mit. Umgekehrt können auch sie von den Erfahrungen, Sichtweisen und digitalen Kompetenzen jüngerer Menschen profitieren.


Die Ideen aus dem Gespräch reichen von einem einfachen «Grüezi» über einen möglichen Jugendrat bis zur gemeinsamen Planung von Dorfveranstaltungen. Gemeinsam ist ihnen ein Gedanke: Begegnung entsteht leichter, wenn Menschen unterschiedlicher Generationen nicht nur eingeladen werden, sondern von Anfang an beteiligt sind.


Vielleicht beginnt ein Generationen-Dialog deshalb nicht mit einem grossen Projekt, sondern mit einer einfachen Frage:


Wo schaffen wir in Stallikon Gelegenheiten, bei denen Jung und Alt ganz selbstverständlich miteinander ins Gespräch kommen?

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