Pionierarbeit in Stallikon: Die Geschichte von Verena «Vreni» Geisler
Aktualisiert: vor 10 Stunden
«Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.»

Als Verena Geisler – in Stallikon von allen liebevoll Vreni genannt – 1972 in die ruhige Gemeinde zog, zählte das Dorf knapp tausend Einwohner. Es war eine Zeit, in der lokale Frauen nur wenig formellen Einfluss hatten., die lokale Politik strikt den Männern vorbehalten war. Doch zehn Jahre nach ihrer Ankunft sollte Vreni die politische Landschaft der Gemeinde nachhaltig verändern: Sie wurde als erste Frau, die in den Stalliker Gemeinderat gewählt wurde.
Ihr Weg von einer entschlossenen jungen Lernenden zu einer wegweisenden Kommunalpolitikerin ist ein Zeugnis vonResilienz, lebensnaher Klugheit und unermüdlichem Engagement für das Gemeinwohl.
Geprägt von Durchhaltewillen und Auslandserfahrung
1943 in Zürich geboren, musste Vreni ihren ursprünglichen Wunsch, Hebamme zu werden, vorerst aufschieben, da man damals noch ein bestimmtes Mindestalter brauchte. Getrieben von der Überzeugung ihres Vaters, wie wichtigFremdsprachen seien, zog sie direkt nach der Schulzeit für ein Jahr nach Frankreich in ein Institut– wo sie den halben Tag arbeitete und den halben Tag die Schule besuchte.
Trotz starkem Heimweh, das andere Schweizerinnen zur vorzeitigen Rückreise bewog, biss sich Vreni durch. Halt gab ihrdas Lebensmotto ihres Vaters: «Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg». An diese prägende Zeit erinnert sich Vreni gern zurück: «Mein Vater hat immer gesagt: Du wirst das Durchbeissen. Das wirst du machen.»
Zurück in der Schweiz absolvierte sie eine Detailhandels Lehre bei der Firma Racher, Künstler- und Zeichenbedarf. Ihr grosser Einsatz zahlte sich schnell aus: Noch vor ihrem 20. Geburtstag übernahm sie die Leitung einer ganzen Abteilung.Ein anschliessender einjähriger Aufenthalt in London perfektionierte ihr Englisch. Mit 22 Jahren heiratete sie ihren Mann Rolf, mit 23 wurde sie Mutter.
Als die junge Familie 1972 nach Stallikon zog, gab es noch keinerlei familienergänzende Kinderbetreuung. Vreni übernahm von zu Hause aus administrativen Aufgaben für das wachsende internationale Saatgutgeschäft ihres Mannes, während sie die gemeinsame Tochter aufzog. Doch ihr Tatendrang reichte weiter: Sie engagierte sich im Katholischen Frauenverein, arbeitete in der Bibliothekskommission mit und schlug schnell Wurzeln im Dorfleben. Über das Einlebenin Stallikon erzählt Vreni: «Wir haben uns schnell wohlgefühlt. Die Einheimischen waren sehr offen gegenüber den Neuzuzügern, was damals eigentlich nicht selbstverständlich war.»
Der Durchbruch im Jahr 1982
Vrenis Einstieg in die Exekutivpolitik begann fast zufällig während einer hitzigen Sitzung der Bibliothekskommission. Alssich der Gemeindepräsident und der Finanzvorstand stritten, wer einen neuen Bodenbelag bezahlen müsse, griff Vreni pragmatisch ein: «Uns spielt es keine Rolle, wer das bezahlt. Wir müssen einfach einen neuen Bodenbelag haben. Ihr könnt das selbst ausmachen, wir brauchen den.»
Ihre direkte Art fiel dem damaligen Gemeindepräsidenten August Meyer auf. 1982, Vreni war 39 Jahre alt, besuchte ersie zu Hause, um sie für eine Kandidatur in den Gemeinderat zu gewinnen. Vreni zögerte zunächst – sie wolltekeinesfalls als reine «Alibi-Frau» in einer Zeit kurz nach der Einführung des Frauenstimmrechts agieren. Über ihreanfänglichen Vorbehalte sagt sie: «Ich habe gesagt: Nein, das mache ich auf keinen Fall. Ich wollte nicht so eine Alibi-Frau werden, weil es bis jetzt noch keine Frau im Gemeinderat gab.» Bestärkt durch ihren Mann und ihre 15-jährige Tochter sagte sie schliesslich zu. Sie gewann die Wahl und trat ihr Amt an – an der Seite von fünf Männern und dem Gemeindeschreiber.
Gleich die erste Sitzung brachte eine Hürde: Sämtliche Männer im kleinen Raum rauchten Pfeife, Stumpen oder Zigaretten. Als Nichtraucherin wurde es Vreni schlicht schlecht. Statt das klaglos hinzunehmen, suchte sie das Gespräch mit dem Gemeindepräsidenten. Dieser zeigte volles Verständnis und führte eine neue Regel ein: Während der Sitzungenwurde nicht mehr geraucht, stattdessen gab es dafür eine Pause vor der Tür – ein kleiner, aber symbolischer Wandel der Ratskultur.
Zwölf Jahre handfeste Resultate (1982–1994)
Zwölf Jahre lang wirkte Vreni im Gemeinderat – als einzige Frau im Gremium. Sie übernahm die Ressorts Gesundheit, Landwirtschaft und Fürsorge und setzte weitsichtige, praxisnahe Projekte um, die Stallikon bis heute prägen:
• Entsorgung und Umwelt: Lange bevor Nachhaltigkeit zum Modewort wurde, führte Vreni die ersteGrüngutsammlung und einen Häckslerdienst in Stallikon ein. Von den Ratskollegen wurde sie dafür schmunzelndals «grüne Tante» bezeichnet. Ausserdem wirkte sie massgeblich beim Bau des neuen Friedhofs und der Überarbeitung des Reglements mit.
• Soziales und regionale Zusammenarbeit: Bei schwierigen Fürsorgefällen wie Sucht- oder Familienproblemen erkannte sie ihre Grenzen als Laienbehörde. Sie setzte konsequent auf die Zusammenarbeit mit dem professionellen Sozialdienst in Affoltern am Albis und dem Jugendsekretariat. Wie sie treffend bemerkte: «Nur mit dem gesunden Menschenverstand kann man nicht alles lösen.» Zudem engagierte sie sich im Zweckverband für das regionale Altersheim und im Spitalzweckverband.
• Jugendförderung: Als ihre Tochter mit Schulfreundinnen vor der Tür stand und Treffpunkte für Jugendliche forderte, schloss sich Vreni mit der Kirchgemeinde und Engagierten zusammen. Gegen Bedenken von Kollegen,die Jugend könne «ja in den Wald gehen», setzte sie Stallikons ersten Jugendtreff durch. Die Jugendlichen bauten das Haus selbst um und renovierten die Räume. Vreni erinnert sich gerne zurück: «Das war eine super Zeit. Die Jugendlichen waren so aktiv mit dabei – das war wirklich schön.»
Neben dem Gemeinderatsamt (ca. 40 % Arbeitspensum) und der Mitarbeit im Betrieb ihres Mannes (ca. 60 %) engagierte sich Vreni stark für Frauenrechte. Sie gründete eine Frauen-Gruppe in Stallikon, die sich erfolgreich für das neue Eherecht einsetzte – ein Meilenstein, der verheirateten Frauen endlich die volle rechtliche und finanzielle Eigenständigkeit ohne Zustimmung des Ehemannes brachte.
Als sie 1994 nach zwölf Jahren aufhörte, suchte sie aktiv nach einer Nachfolgerin. Mit Katrin Von Arx fand sie diese auch, sodass der Sitz in weiblicher Hand blieb. Zu ihrem Rücktritt erklärt Vreni: «Nach zwölf Jahren hatte ich das Gefühl, ich könnte aufhören, weil ich viele Ideen verwirklichen konnte. Ich wollte nicht einfach auf diesem Posten bleiben und nichs mehr aktiv zum Wohle der Gemeinde beitragen.»
Ratschlag für die nächste Generation
Rückblickend betont Vreni, dass Exekutivpolitik auf Gemeindeebene von Sachthemen und Kompromissen lebt, nicht vonParteipolitik. «Die Politik in der Gemeinde spielt keine Rolle», betont sie. «Es geht ums Sachgeschäft. Man arbeitet zusammen am Geschäft. Auf das Parteibuch kommt es nicht an – das müsste man den Leuten klarmachen.»
Über die persönliche Bereicherung durch die Behördentätigkeit sagt sie: «Man muss lernen, mit verschiedenen Leuten klarzukommen um eine Lösung zu finden. Das war eine Herausforderung, aber es war auch eine sehr gute Lebensschule.»
Heute, mit über 80 Jahren, blickt Vreni voller Genugtuung auf ihren Weg in Stallikon zurück. Angesprochen darauf, was sie der jüngeren Generation für das politische Engagement mitgeben möchte, nennt sie vor allem Dankbarkeit:
«Dankbarkeit, dass wir in diesem Land mit diesem politischen System leben dürfen. Und Bescheidenheit – es ist nicht alles selbstverständlich. Diese Dankbarkeit möchte ich mitgeben: Dass wir uns in so einem System entwickeln könnenund die Freiheit haben, unsere Meinung zu sagen. Das finde ich sehr, sehr wichtig, und ich hoffe, die Leute schätzen das.»

Kommentare